6. Sonderfall: „Einschlafhormon“ Serotonin

Allgemein bekannt ist die Tatsache, dass sich etwa eine halbe Stunde nach dem Einschlafen unter Verbrauch von Serotonin in der Zirbeldrüse des menschlichen Gehirns das schon weit länger als das Serotonin bekannte und erforschte Schlafhormon Melatonin bildet. Wir wissen heute, dass Serotonin und Melatonin keine Gegenspieler sind, wie das früher allgemein angenommen wurde.Das Wach- und Schlafkontrollhormon Serotonin brauchen wir, um überhaupt einschlafen zu können. Erst nach dem Einschlafen bildet sich aus dem im Gehirn vorhandenen Neurohormon Serotonin das Schlafhormon Melatonin. Melatonin hat mit dem Einschlafen nichts zu tun. Das ist allein die Sache des Einschlafhormons Serotonin, wie ich es nennen möchte. Die große Leistung von Melatonin ist es, uns eine größere Schlaftiefe bis hinunter in den zur gründlichen Erholung unerlässlichen Tiefschlaf zu verschaffen. Um im Tiefschlaf, den wir nur in den ersten beiden Schlafzyklen der Nacht erleben, dann eine Weile verbleiben zu können, bedarf es wieder eines weiteren Hormons, des „Dämpfungshormons" Gaba. Auch Gaba wird aus Serotonin gebildet. Nach diesem Vorgang hebt man sich langsam über die REM-Phase, in der wir träumen, wieder hinauf bis fast oder kurz ganz in die Zone des Bewusstseins. Damit ist aber nur die erste von mehreren nächtlichen Schlafzyklen beschrieben. Mehrere gleichartige Vorgänge müssen folgen, die immer wieder den Einsatz von Serotonin als Einschlafhormon brauchen. Fehlt bei diesem Verlauf das Serotonin, sitzt man mitten in der Nacht senkrecht im Bett und kann einfach keinen Schlaf mehr finden. Nur wer dann am Ende dieser Schlafkurven immer noch ausreichend Serotonin hat, wacht am Ende voll ausgeschlafen auf. Denn der Wachzustand mit der Fähigkeit bewusst und konzentriert am Leben teilzuhaben, kommt nicht ohne die Wirkung von Serotonin als Wachkontrollhormon zustande. Fehlt nach dem Ende der Schlafperioden Serotonin, fühlt man sich wie zerschlagen und kommt nicht richtig „auf die Beine.“ Dieser sehr unerquickliche  Zustand dauert oft Stunden, bei manchen Menschen gar bis gegen Mittag an. 

Von vielen Menschen habe ich gehört und erfahre es täglich selbst: Wenn der Schlaf aufgrund der vollen Funktion der beteiligten Hormone gut war, hatte ich auch gute, d.h. in der Tendenz positive Träume. Am Ende des aufsteigenden Astes jeder Schlafkurve kommt es ja zur Traumphase, in der der Mensch unbewusst an Problemen und Aufgaben arbeitet. Muss man sich ohne erquickenden Tiefschlaf durch die Nacht quälen, so zeigt die Erfahrung, sind die sich einstellenden Träume oft negativ, teils sogar erschreckend. Guter Schlaf hat dagegen gute Träume. Er führt sogar zu subjektiv als sehr konstruktiv empfundenen „Klarträumen“. Träume in der Zeit vor dem Aufwachen, in denen der Schläfer zwar noch nicht wach ist aber innerlich registriert, dass er träumt.

Der Schlaf ist ein so komplexes Geschehen, dass damit zu rechnen ist, dass die Beschreibung seiner Phasen im Licht der Hormone möglicherweise nicht alle seine Aspekte umfasst. Natürlich gibt es auch Störfaktoren außerhalb der Wirkung der hormonellen Steuersysteme, z.B. zu harte oder zu weiche Betten, zuviel Licht oder Lärm, schweres Essen und starkes Trinken. Das sind aber leicht lösbare Probleme. Sind die hormonellen mentalen Systeme dagegen nicht im natürlichen Gleichgewicht, ist unweigerlich jeder erquickende Schlaf fern. Im Lichte der Endokrinologie jedenfalls ist gesichert, dass in allen unterschiedlichen Phasen der Schlafenszeit, die von Serotonin gesteuert werden, dieses Schlüsselhormon auch in allen seinen mannigfaltigen allgemeinen Aufgaben zur Verfügung stehen muss.Von dort her wird auch der Einsatz des Glückshormons Dopamin gesteuert und des Gedächtnishormons Acetylcholin. Gerade das Gedächtnis funktioniert im Schlaf ganz hervorragend. Das ist auch der Grund dafür, dass man oft aus dem Schlaf erwacht und plötzlich die Information wiedergefunden hat, nach der man lange geuscht hat. Ober man ruft "Heureka" und hat im Schlaf aus den Teilen eines komplizierten Puzzles eine ganz neue Erkenntnis aufgebaut. Alles nicht denkbar ohne die volle Funktion des Steuerhormons Serotonin!

Denn im Schlaf sind wir nur von der rationalen Kontrolle durch unser Bewussteien "abgehängt." Im übrigen funktionieren wir auf allen Ebenen weiter, die auch im Wachzustand angesprochen sind. Der Schlaf ist nämlich alles andere als "der kleine Bruder des Todes" (Homer). Er prägt unser ganzes Leben maßgeblich mit. Er ist wie das Wachen Teil des Lebens und hilft uns, Probleme aus dem bewussten Leben durch Rückbesinnung auf unser nicht rational kontrolliertes Selbst besser zu bewältigen.